Deutschland vs. Großbritannien & vom Umgang mit Unsicherheit.

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Wenn Du tust, was Du immer getan hast, 

wirst Du bekommen, was Du immer bekommen hast. 

Abraham Lincoln

 

Nur ein verzweifelter Spieler setzt alles auf einen einzigen Wurf.

Johann von Schiller

 

Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Windmühlen und die anderen Mauern. 

Chinesisches Sprichwort

Erkennen Sie sich oben zum Teil wieder?

 

Wie gehen Sie mit Unsicherheit um? Bringt sie in Ihrem Leben eher eine Chance oder Sorge mit sich?

 

Anhand der Zitate und des Sprichwortes lässt sich schon erkennen, dass das ein Thema ist, mit dem kulturell unterschiedlich umgegangen wird. Ein für mich markantes Beispiel für den unterschiedlichen Umgang im Vergleich waren meine Erfahrungen in Großbritannien und Deutschland.  

 

Auf den ersten Blick gibt es einige Bereiche wo Deutschland und Großbritannien so Einiges verbindet:

  • Beides sind west europäische Staaten (ich sehe von der EU und Brexit ab, um zu lange Ausschweifungen zu vermeiden).
  • In beiden Ländern hat die Landessprache germanische Wurzeln.
  • Beide Länder sind nach Hofstede durch relativ niedrige Machtdistanz und  Individualismus (mehr dazu im nächsten Artikel) geprägt.
  • In beiden Kulturen ist Fußball sehr beliebt.
  • Die Britische Königsfamilie hat deutsche Vorfahren, auch wenn die das nicht lautstark kommunizieren.

Aber dann steigt man in eine Bahn in Deutschland und London und erkennt, dass die Ähnlichkeiten auch ihre Grenzen haben. Zum Beispiel an Hand des Fahrplans im deutschen Zug. Jetzt werden vielleicht Einige sagen, dass man den nicht in jedem Zug in Deutschland findet, und das stimmt sicherlich auch. Es geht mir hier eher um dem Fakt, dass es überhaupt einen gibt. In meinen ganzen sieben Jahren in der UK habe ich kein einziges Mal einen Fahrplan gesehen. Ganz im Gegenteil, ich war froh, wenn der Zug gekommen ist, und zehn Minuten Verspätung wurde gar nicht erst angezeigt. Als Studentin wurde ich einmal von einer Familie den letzten Teil meiner Reise zu meiner Gastfamilie per Auto mitgenommen, weil es schlicht und ergreifend keine Bahnverbindung mehr gab und kein Ersatz angeboten wurde.

 

Kürzlich saßen mein Mann und ich im Auto und im Radio wurde in den Nachrichten besprochen, dass die Deutsche Bahn ihre Raten der zu-spät-kommenden Züge an Hand von Verspätungen misst, die über  5 Minuten nach der geplanten Zeit stattfinden. Wir waren beide schwer beeindruckt, und mussten, mit unseren Erfahrungen in GB im Hinterkopf, auch ein bißchen schmunzeln.

 

Was uns noch nachhaltig beeindruckt hat, war die Fülle an Versicherungen, die uns gleich nach unserer Ankunft in Hamburg ans Herz gelegt wurde. In Bristol hatte ich eine Hausratsversicherung, und eine Fahrradversicherung, die allerdings teurer als das Rad wurde und sich somit schnell nicht mehr ausgezahlt hat.  In Hamburg angekommen wurden uns von Freunden und Bekannten alles von der Lebensversicherung bis zu Arbeitsunfähigkeitsversicherung ans Herz gelegt, sodass sich unsere Köpfe nur mehr so gedreht haben. Hätten wir allen Empfehlungen Folge geleistet hätten wir nun mehr Versicherungen als ich an meinen Fingern zählen könnte, eine für die meisten Briten unvorstellbare Menge.

 

Sich können an Hand von den Beispielen vielleicht schon erkennen, dass sich in Kulturen, in denen nach Hofstede Unsicherheitsvermeidung hoch ist, folgende Merkmale finden lassen:

 

  • Unsicherheit wird als Bedrohung und als etwas Bekämpfenswertes empfunden.
  • Situationen, die nicht eindeutig sind, werden als unbequem empfunden, und werden nach Möglichkeit aufgelöst.
  • Mitglieder dieser Kulturen tendieren dazu, sich Sorgen über Gesundheit, Geld und die Zukunft zu machen.
  • Geld wird eher in finanziell konservativen Anlagen investiert.
  • In Persönlichkeitstests zu den BIG 5 wird verstärkt Neurotizismus gemessen.

 

In Kulturen, die eher von niedriger Unsicherheitsvermeidung geprägt sind, finden Sie, zum Beispiel:

 

  • Unsicherheit wird eher als natürlicher Teil des Lebens empfunden, den es zu akzeptieren oder nutzen gilt.
  • Unsicherheit wird oft mit Humor begegnet.
  • Einheitlichere Anspracheformen (zum Beispiel ‚you‘).
  • Erzielte Resultate werden eher auf eigene Leistung als auf die Umstände oder Glück zurückgeführt.
  • In Persönlichkeitstests zu den BIG 5 wird verstärkt Verträglichkeit gemessen.

 

Der Umgang mit Unsicherheit spiegelt sich auch im Umgang mit Krankheit wieder. Nicht nur, dass es in Kulturen mit hoher Unsicherheitsvermeidung mehr Ärzte gibt, und in Kulturen mit niedriger Unsicherheitsvermeidung mehr Krankenpfleger, es ist auch der Umgang mit Krankheiten ein ganz anderer. Niedriger Blutdruck wird, zum Beispiel, in GB und in den USA vermehrt als etwas Positives gewertet, wobei dieser in Österreich und Deutschland eher als medikamentös zu behandelnde Erscheinung gewertet wird.

 

In der Arbeitswelt und der Karriereentwicklung spiegelt sich niedrige Unsicherheitsvermeidung in kürzeren Verweilperioden an einer Stelle und öfterem Wechsel des Arbeitsgebers wieder. An vielen Stellen wird auf Generalisten statt Spezialisten gesetzt, und ‚common sense‘, also gesundem Menschenverstand, über technischen Lösungen bevorzugt. Man könnte sagen, hohe Unsicherheitsvermeidung fördert gute, qualitativ hochwertige Implementierung von Projekten, während niedrige Unsicherheitsvermeidung eher Erfindertum fördert. Der Erfolg der BMW Übernahme des Minis würde diesem Vergleich rechtgeben, wobei es sicher auch gegenteilige Beispiele gibt.

 

Wie immer gilt: „Bevor Sie diese Arznei nehmen, sprechen Sie…..“. Diese Handlungsrahmen sind als Referenzen gedacht, und werdem nicht jede Situation genau vorhersagen können.

 

Deswegen finde ich es umso interessanter zu schauen, wo man selber zu einem Thema steht:

  •  Was bedeutet Unsicherheit für mich?
  • Wie sieht/sehen das mein/e Geschäftspartner?
  • Wie kann mich dieses Wissen im Leben weiterbringen, und vielleicht die nächste missverständliche kulturelle Kommunikation erleichtern?

Mit diesem Wissen lässt es sich leichter auf andere Herangehensweisen einlassen.

 

In dem Sinne: Happy intercultural communicating und bis zum nächsten Artikel!

 

Unter den Links finden Sie die vorhergehenden Artikel zu Hofstedes kulturelle DimensionenMachtdistanzkulturelle Missverständnissen.

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